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Leserbrief von Marcel Châtelain zum SRF-DOK-Film

17.April.2018

Der unsägliche Film

Ausgabe vom 14. 4.: SRF-Dok zu Grenchen: Polemisches Zerrbild

 

Der Film «Die schweigende Mehrheit» erfüllt die Ansprüche an einen Dokumentarfilm nicht. Er zielt am Thema vorbei und ist darauf ausgerichtet, die Stadt Grenchen schlecht darzustellen und einige bewusst ausgewählte Personen mit latenter Fremdenfeindlichkeit dabei zu erwischen, entweder unbedachte Äusserungen zu machen oder ihnen eine Plattform für ihre verqueren Ansichten zu geben.

Leider – ist heute festzustellen – liess sich auch die sozialdemokratische Partei Grenchen SP von der Filmemacherin gegen Treu und Glauben ködern mit der Drehbuchskizze, am Beispiel Grenchen der Stimm- und Wahlabstinenz nachzugehen, verbunden mit der Frage, warum die SP in einer «Arbeiterstadt» Wähleranteile verliere.

Aufgrund der eigenen Wahlanalyse war für die SP klar, dass sie immer noch wählerstärkste Partei in Grenchen ist und die Wahlkämpfe engagiert geführt werden, Allerdings gelang es der SP nicht, ihre Positionen pointiert und mit Profil zu vertreten und sie erweckte den Eindruck, SP-Politik sei nur die Summe aller Randständigen-Themen» unserer Gesellschaft. Schlussfolgerung: SP-Politik hat die brennenden Themen verstärkt aufzunehmen, das Handeln ist auf den Mittelstand und die politisch interessierten Arbeitnehmenden auszurichten.

In mehr als zwei Stunden Filmaufnahmen (bis der Kameramann fast kollabierte) wurden solche Stimmungsbilder an zwei SP-Veranstaltungen und mit Interviews eingefangen: im Film verblieben rund 30 Sekunden. Eine Auseinandersetzung mit der Wahl- und Stimmabstinenz blieb aus. Stellungnahmen von andern Parteien fehlten, politisch interessierte Mitbürgerinnen und -bürger kamen nicht zu Wort.

Stattdessen inszenierte die sogenannte Doku-Filmerin ihre Vorurteile ausschliesslich mit ausgiebigen Wortmeldungen von politisch enttäuschten und offensichtlich frustrierten Mitmenschen, welche die Bedrohung ihres Daseins in ausländischen Zuwanderern sehen. Diese «Stammtisch-Plauderi» sollten offenbar bildhaft die Stimm- und Wahlabstinenzler darstellen, Aber wo blieben die Meinungen der Wählenden, der Andersdenkenden? Dieser Part kam einerseits der Familie Müller zu, die aber zugleich mit ausgewählten Wortmeldungen zu Ausländern und Einbürgerungen diskreditiert wurde oder sich selber blossstellte. Andererseits sollte ein idealistischer Jungwähler wohl einen weiteren politisch Interessierten darstellen, der aber mit seinem Bürgerforum am angeblichen Desinteresse der Grenchner und Grenchnerinnen scheiterte.

 

In der Zwischenzeit hörte ich auf Radio32 ein Kurzinterview der Filmemacherin, welche es offenbar als Makel empfindet, dass in Grenchen die industrielle Produktion vorherrschend ist. Dies ist kein Makel, sondern eine Stärke. Was nützen all die Dienstleistungen und Serviceangebote, wenn sie nicht auf notwendigen Waren und Gütern beruhen? Nicht die industrielle Produktion an sich bereitet Sorgen, sondern die zunehmende Automatisierung und Roboterisierung der Arbeit und der Verlust herkömmlicher Arbeitsplätze. Arbeitsplätze, die aber in Grenchen in einer sich modernisierenden Industrie ständig neu geschaffen werden. Auch darüber keine Sequenz, Vielmehr wurde das Bild vermittelt, als ob wir in Grenchen immer noch Kohle im Bergbau abbauen würden (was wir nie gemacht haben).

 

Dieses Zerrbild von Grenchen, das sich in jedem andern Ort gleichermassen darstellen liesse, zeigt von mangelnden Kenntnissen der Fakten und dem Bestreben der Filmemacherin, sich offensichtlich «alternative Fakten» zurechtzulegen. Dass in einem öffentlich-rechtlichen Sender offenbar sämtliche Kontrollmechanismen versagen, beunruhigt mich als einer, der Nein zu No-Billag stimmte. Und wer sich auf die Medienfreiheit und den Radio- und Fernsehartikel der Bundesverfassung beruft, sollte auch bedenken, dass es noch andere schützenswerte Grundrechte gibt. Gerade SRF als öffentlich-rechtlicher Sender ist dazu verpflichtet, Ereignisse sachgerecht darzustellen und die Vielfalt der Ansichten angemessen zum Ausdruck zu bringen.

 

Marcel Chatelain-Ammeter,

SP-Mitglied, Grenchen




SP vor Ort